Die Altmark ist von Schnee bedeckt und das heißt für mich Winterwanderung. Ich laufe eine Strecke von 12 Kilometer quer durch das Elbvorland bis zur Elbe und teile meine Eindrücke mit dir. Es wird das erste Mal sein, das ich ein totes Wildschwein auf einem gefrorenen Acker entdecke. Viel Spaß beim Lesen!
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Winterrunde mit Ponyauftakt
Knirschender Schnee unter den Füßen ist wie eine Zeitreise. Zurück in die Kindheit, mit dem Schlitten 300 kmh bergab. Von Vattern am Seil hinterm alten Audi auf der gefrorenen Landstraße hinterhergezogen, bis die Kufen Funken sprühen. Schnee schafft frühkindliche Erinnerungen wie kaum ein anderes Element. Im Alter wandelt er sich allerdings, wird erwachsen und zu einem entschleunigten Ruhepol. Meinem Ruhepol.
Was mich am Winter so fesselt ist die Stille der Landschaft. Wenige Menschen. Kaum noch Lärm. Alles glitzert. Keiner nervt. Irgendwo im Nirgendwo hüpft ein Reh und das wars auch schon. Herrlich beruhigend. Ich mag das. Diese Dosis Frieden hole ich mir heute mit einer Winterwanderung, die wie viele meiner Runden in der Ponyallee beginnt. Die kennen wir schon von meinem Oktoberausflug, allerdings laufe ich jetzt in die andere Richtung, von wo aus ich in nur wenigen hundert Metern den kleinen Fluss und nach einigen Kilometern durch das Elbvorland die Elbe erreiche. Dazwischen liegen nur einige Äcker und Deiche. Ich werde einen Kreis von 12 Kilometern wandern. Das ist meine Standardstrecke.

Einen kleinen Zwischenstopp gönne ich mir bereits nach sagenhaften 200 Metern. Ich plausche ein bisschen mit zwei Ponys, die auf einer großen Parzelle im letzten Drittel der Ponyallee weiden. Beide sehen aus wie Charly, mein geliebter Hund (†). Ich habe Babymöhren dabei, gebe den Zuckerschnuten einige, bevor ich meine Winterwanderung fortsetze. Ganz im Sinne der Freundschaft. Ich laufe diese Strecke wöchentlich, da lernt man sich automatisch kennen und schätzen.

Er (oben) ist ein sehr dominanter und diplomatisch umschrieben charakterstarker Kerl. Sie (unten) ist schüchtern bis misstrauisch und verlangt einen ruhigen Umgang.

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Feldweg hinter Kleinasien
Schnellen Fußes begebe ich mich zur Hauptstraße, folge dieser eine Minute, bis ich sie überquere und einen Abhang mit Feldweg herunterlaufe, auf dem sich rechts von mir eine Häuserzeile bis zum Ortsende hinzieht. Die Bauten stehen (wie die ganze Stadt) wegen der Hochwasserzyklen auf einem Hügel. Wir nennen diese Ecke „Kleinasien“ und das, obwohl kein einziger Mensch hier mit Asien auch nur irgendetwas zu tun hätte. Der Feldweg dahinter leitet mich bis zu einer Brücke, wo ich den kleinen Fluss überquere, welcher das Ackerland trennt. Er hat einen weiteren Seitenarm, eher ein großer Graben, der etwas später meine Route ebenfalls kreuzt und überbrückt ist, bis die große Elbe kommt. Alle drei Fließgewässer definieren meine Winterwanderung, wobei die Elbe eine natürliche Barriere bildet.

Kinder schmücken die Bäume hinter Kleinasien. Ich stapfte durch den Schnee, sehe Weihnachtsmänner auf Holzbänken stehen, die Großvater gebaut hat und für jedermann als Raststätte zur Verfügung stehen. Entsprechende Einladung ist direkt auf den Bänken ausformuliert. Am Kletterbaum hängt ein Säckchen mit Kommunistenstern. Vielleicht auch Vietcong. Wohl eher Weihnachten. Am Hexenbaum etwa 100 Schritte weiter wanken Lichterkugeln im Geäst. Niemand schlägt sie kaputt. Keiner macht Welle. Alles bleibt stehen wo es ist. Die Welt ist hier noch in Ordnung.

So sehen diese Holzbänke teilweise aus. Auf Baumstümpfen geschlagene Bretter. Es gibt auch richtige Bänke entlang des Weges. Alle von Hand gebaut. Ich bediene mich mal eines älteren Bildes, hab mich erst später für einen Bericht entschieden und daher einige Details außer Acht gelassen. Das ist oft so bei mir. Ich fotografiere vieles ohne Hintergedanken, um mich dann später in Gedanken an einen Bericht über die fehlenden Bilder zu ärgern. Allerdings wohnt in dieser Spontanität auch die Natürlichkeit. Alles ist echt, nichts gestellt und das empfinde ich als echten Vorteil in der medialen Scheinwelt.

Der erste Kilometer liegt hinter mir und ich kann die Brücke am Horizont unter der blutroten Sonne bereits sehen, die tiefer steht als ich es mir gewünscht habe. Der Sonnenstand deutet darauf hin, das ich viel zu spät aus dem Arsch gekommen bin und den letzten Streckenabschnitt meiner Winterwanderung in Dunkelheit laufen werde. Mit fällt aber noch etwas anderes auf. Krähen, so dicht auf dem Acker aneinander gedrängt, als wären es Geiher. Das hat einen Grund und ich gehe diesem selbstverständlich nach.

Totes Wildschwein auf dem Schneeacker
Es ist ein totes Wildschwein. Sowas habe ich hier auch noch nicht gesehen. Mitten am Ackerrand, der eingepfercht vom kleinen Fluss, einer großen Brücke und dem Stadtrand liegt. Ich erkenne keine Knochen, nur das Fell, welches am ausgeschälten Schädel hängt. Wie ein Bärenteppich. Fehlt nur noch der Kamin.

Ich schaue mir den Kopf genauer an. Damit habe ich keine Schwierigkeiten, bin auf einem Bauernhof groß geworden. Die Nase ist tiefgefroren, für den Krähenschnabel scheinbar viel zu widerständig. Das ausgefranste Schädeldeckenfleisch in tiefroter Farbe hat dagegen geschmeckt. Das Blut ist geronnen, dennoch zu hell, um wirklich alt zu sein. Dieses Wildschwein ist nicht an diesem Ort gestorben. Das ist mein Eindruck mit jeder Sekunde der argwöhnischen Musterung mehr. Jemand hat das Tier abgelegt. Ein Jäger*? Vermutlich. Mal schauen, wer nächste Woche Wildschweingulasch am Marktplatz verkauft. 🤔

Ich setze meine Winterwanderung fort und laufe über die Brücke, die sich über den Tanger schlägt. Er mündet über das Hafenbecken in der Elbe. Daher kommt der Name meiner Heimatstadt. Tangermünde. Einst die Sommerresidenz von Kaiser Karl IV und in der Verlosung zur Hauptstadt Deutschlands. Hat nicht geklappt. Ist jetzt Berlin. Das größte Loch, das ich kenne. Damit ich die Elbe erreichen kann, muss ich diese Brücke überqueren…..

Winterwanderung entlang der Flur
….und postwendend hinter der Brücke wieder die Hauptstraße zurück überschreiten, die mich auf einen asphaltierten Weg führt, der in einen Feldweg bis zur Elbe übergeht. Ich befinde mich jetzt quasi auf der gegenüberliegenden Seite vom kleinen Fluss sowie Acker (wo das Schwein lag) und laufe nun einige Kilometer stringent Richtung Norden bis zum Deich. An der Seitenstraße steht ein altes Gebäude, das als Wiesenhaus bekannt ist. Unbewohnt seit Jahren und von Grabräubern geplündert. Woche für Woche konnte ich diesen Sommer sehen, wie die Klinkersteine der Auffahrt Stück für Stück verschwanden. Krähen waren das mit Sicherheit nicht.
Das Wiesenhaus steht in exzellenter Lage für meinen Geschmack, direkt am kleinen Fluss unweit eines Sees mit der Elbe im Rücken. Großer Garten, viel Natur. Abgeschieden und doch Urban. Ein Sechser im Lotto für Misantrophen wie mich. Aber eben auch nicht auf einem Hügel erbaut, sondern im Elbvorland, direkt im Hochwasserbereich und deshalb alle Naselang bis in die erste Etage geflutet. Wieso das Wiesenhaus jemals dort gebaut werden durfte ist schon reichlich abenteuerlich, denn der kleine Fluss selbst ist schon problematisch und der ist keine 200m entfernt. Dennoch: Hätte ich die Kohle, wäre das mein Schloss.

Vom Traumhaus aus geht meine winterliche Wanderroute auf dem relativ monotonen Feldweg weiter, der zwischen der Ackerflur verläuft und von zahlreichen Bäumen und Sträuchern eingefangen ist. In der Flur befindet sich ein gemauerter Durchgang. Ich frage mich jedesmal wozu. Er geht in einen Graben über, direkt in eine weitere querliegende Flurgrenze zweier Ackerstücke. Man läuft dort nicht hindurch und sieht die Welt, man landet im nächsten Graben. Vielleicht ist aber auch Narnia auf der anderen Seite. Ich trinke währendessen schwarzen Tee aus einer kleinen Thermoskanne*, der mich spürbar wärmt.

Nach einer kleinen Brücke über den Moddertanger, das ist der große Graben vom dem ich anfänglich sprach, erreiche ich das letzte Ackerland kurz vor der Elbe. Alte Eichen türmen sich in einer Reihe am Wegrand auf, verwehter Schnee bedeckt die Gräser. Eine Eiche hat der Blitz vor Jahren unübersichtlich getroffen. Komplett entkernt im Unterstamm, ich könnte drinnen stehen, doch wächst sie einfach unbeirrt weiter. Wahnsinn.


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Elbdeich mit Schneemann
Entlang der Flur kommt nichts spektakuläres mehr, allesfalls eine Koppel mit Wasserbüffeln, die wo auch immer im Winter umherbüffeln. Hab extra gemuht, kam trotzdem keiner. Ergo keine Bilder. Dafür steht ein Schneemann auf dem Deich, mitten im Nirvana. Ich habe jetzt 7 Kilometer bei meiner Winterwanderung zurückgelegt.

Hab dem Schneemann einen Witz erzählt. Wollte trotzdem nicht lächeln. Vielleicht geht ja bei dir was:
>>Was sitzt auf dem Ast und weint? Eine Heule.<<

Die Elbe rückt mehr und mehr in mein Blickfeld. Sie fließt ganz ruhig, fast schon andenklich. Die Wasseroberfläche scheint aalglatt, ich höre das Wasser leise übers Packwerk säuseln. Ein paar Enten schwimmen durch das Buhnenfeld bei -6 Grad. Der eine macht ne Winterwanderung, die anderen gehen Winterbaden. Enten sind echt tough.

Der Rückweg findet wie erwartet in der Dämmerung statt und ich kann kaum noch etwas sehen. Muss ich auch nicht, der Deich führt mich bis zur Stadt. Von anderen Menschen fehlt derweilen jede Spur, dafür ist es viel zu kalt. Allesfalls Jäger und Angler verkehren entlang der Wege um diese Zeit, allerdings seltener bei Minusgraden. Ich bin der König des Deiches. Ein schöner Titel.

Das Ende meiner Winterwanderung naht, ich sehe Tangermünde. Das Licht der Stadt wirkt wie ein eigener Bildfilter, kredenzt eine Mischung aus Alien Romulus und Altmark. In wenigen Minuten bin ich Zuhause, stell mich unter die heiße Dusche, in die warmen Socken und pfeiff mir ein Käffchen rein. Bisschen Netflix luschern, Bilder sichten und Wildschweine studieren. Von denen ich nie auch nur ein einziges sehe, es sie aber zahlreich in meiner Ecke anscheinend gibt.
Herzlichst, dein 16er-Haken

















