Alter Schwede. Auf den Punkt genau ist mir eine 60cm Schleie beim Matchangeln auf Rotaugen mit der Körnertaktik eingestiegen. An einem Teich, wo es bis gestern eigentlich noch keine Schleien gab. Ein Fangbericht und eine kleine Rückschau über Geister.
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Rollende Geister
Dieses Jahr ist irgendwie alles anders. Oder ich bin seit ich Akki Eilts Buch „Vom Glück verfolgt“* lese seinem und demselbigen Schicksal ausgesetzt. Ich habe mehrere dutzend Schleien zwischen 50cm und 58cm gefangen, eine zweimal hintereinander in einer Stunde, einen Aal knapp am Meter und einen stattlichen Hecht. Gottlos viele große pattschwarze Brassen. Nun eine 60cm Schleie also. Der Witz an der Sache ist ja, das mir das auch noch an einem Gewässer gelungen ist, wo mindestens hundert Ansitze hinter mir liegen und ich nur eine leise Vorahnung hatte, jedoch von Schleien jede Spur fehlte. Da gabs ein paar Momente wo ich etwas rollen sah, sicher war ich mir nie. Könnten auch Hechte oder Barsche gewesen sein, die sich nach Wolken sehnten. Schleien buckeln für gewöhnlich doch recht laut, das Klatschen ist kaum zu überhören. Ich kenne dieses Geräusch wie mein linkes Ei. Das Schilf, dass normalerweise wackelt sobald grüne Schatten die Stiele nach Schnecken abgrasen, steht ständig still wie meine alte Kuckucksuhr am Arbeitstisch, die Batterie hat längst ein paar Jahre hinter sich, das muss ich faierweise gestehen, und der vermoderte Untergrund, der wie das Öl in einer Fritteuse aufgeht wenn ich einen Futterkorb durchziehe, blubbert nicht ohne mein Zutun, der bleibt blasenfrei. Da müsste eigentlich was passieren. Schleien gründeln intensiv, sind unbändige Wühler, richtige Maulwürfe. Mückenlarven gibt es dort sehr wohl.
Geschweige denn, das ich je eine im Drill gehabt hätte. Versuche gab es. Zahlreiche. Gezielte. Mit allen Mitteln die ich kenne und ich bin, verzeih mir das Eigenlob, ein begnadeter Schleienangler, Futtertaktiker und ich sehe Zusammenhänge, die andere Angler nicht kapieren würden, wenn ich sie mit Buntstiften an die Wand male. Gebracht hat mir das trotzdem nichts, denn nichts ist in der Natur berechenbar und Schleien schon mal garnicht. Dieses Jahr im Frühjahr verteilte ich etwas Hartmais im Schilf sowie vor einer Krautkante um zu sehen, ob ihn zumindest jemand abräumt. Das Rollen der Geister merkt man sich als Angler, sowas lässt einen nicht los. Der Hartmais war am nächsten Tag natürlich weg. Jedes einzelne Korn. Die Handvoll am Ufer nicht, die ich ablege, damit ich Wasservögel ausschließen kann. Ich hab das drei vier Mal wiederholt, nur um genauso blöd wie vorher aus der Wäsche zu glotzen.
Ich ging erstmal von großen Rotfedern oder Rotaugen aus. Eher Rotaugen. Weit über 30cm. Die sah ich sich über dem Uferkies tummeln. Das Gro im Tümpel sind massenhaft handlange Rotfedern. Verhältnis vermutlich 1:200. Bis Anfang September probierte ich verschiedene Dinge und Strategien aus, viel Kleinfischangelei, Winkelpickern, Stippen, Feedern, Speedfischen, zirka 15 Ansitze mit dem Method Feeder und Hartmais als Köder OHNE EINEN EINZIGEN BISS, das bekräftigte meine Annahme der Schleienlosigkeit, und ich bin letztlich auf den Trichter gekommen große Rotaugen aus den kleinen Rotfedern herauszuselektieren. Mit einer einer Körnertaktik. Hanf, Weizen, Mais und Pellets als Lose Feed, all das sinkt schnell und bleibt auf dem Schlamm liegen, kein Lockfutter, keine Lebendköder, nichts was fingerlange Rotfedern triggert, auf keinen Fall Couscousbälle, welche wie Bachflöhe die Wassersäule herunterflittern, die gesamte Präsentation und Taktik eher semistatisch, mit Waggler bei Wind und Wetter fein gerüstet sowie dem Wille, den Köder zwei Fingerbreit über Grund zu halten. Ich fing wesentlich mehr Rotaugen, meine Strategie ging auf, ich hatte die erste 30ger im Kescher, und kurz darauf geschah es.

60cm Schleie beißt auf Mais
Der Schleienbiss muss ungefähr auf Halbzeit meines Ansitzes stattgefunden haben. Ich wollte die Montage kontrollieren, das mache ich beim klassischen Matchangeln für gewöhnlich gefühlt alle drei Minuten, weil fingerlange Kleinfische den Mais stibitzen ohne das ich etwas bemerken könnte und man zuviel Zeit verschenken würde, wenn man eine halbe Stunde rumpimmelt. Viel Werfen ist bei dieser Angelei ohnehin nicht von Nachteil, die meisten Bisse von großen Rotaugen kommen auf dem letzten Meter oder kurz nach der Absinkphase. Genau bei einer solchen Köderkontrolle schnappte sich die Schleie das kleine Maiskorn, das ich mir vorher extra aus der Dose herausfriemelte. In der Bewegung, als ich die Wagglermontage gerade einholen wollte, das Korn eine Millisekunde abhob. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, das ich ohne diesen Impuls die 60cm Schleie niemals gefangen hätte.
Das ich den Drill überstehen konnte kommt sowieso einem Wunder gleich. Hakengröße #14 an der Vorfachstärke 0.13mm am ultraleichten Fitzelhaken. Ich bin friedfischbehindert, du kannst davon ausgehen, das dieser Haken wirklich ultrafein ist. Nur so fängt man gezielt große Rotaugen an Stillgewässern. Sicherlich keine großen Schleien und das war mir bewusst. Ich hab die Fluchten deswegen laufen gelassen, Druck auf dem Blank gehalten, aber in einer Dosierung, das kein allzu starke Krafteinwirkung auf das Vorfach bei explosiven Ausfallmanövern entsteht. Ging schon, wobei ich trotzdem etwas zu hart bei der Sache war. Der Haken hätte jederzeit Aufbiegen können, dieses Risiko ist man als Friedfischangler bei größeren Beifängen immer ausgesetzt. Es sei, man knüpft den Fleischerhaken und findet sich damit ab, viel Erfolg für maximale Absicherung liegen zu lassen.

Als die 60cm Schleie das erste Mal hoch kam spürte ich erstmal eine andere Art von Druck. Im Kopf und Darm. Ich habe Unmengen Schleien bis 55cm dieses Jahr gefangen. Nur 5cm mehr machen einen Fisch gefühlt doppelt so groß und das sieht man sofort. Zwischen einer 50cm und 60cm Schleie entsteht der Eindruck von einem Kind und einem Erwachsen, denn Fische nehmen nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite und Höhe zu. Und just blieb Babette, so taufte ich sie später, ein pralles Weibchen, zu 80% waren meine Großschleien dieses Jahr weiblich, ich will ein Schleienmann im nächsten Leben werden, mit dem Waggler* im Kraut hängen. Knappe 3m entfernt. Ich konnte den Kescherkopf gerade so unter sie schieben, nicht um sie einzusacken, das hätte ich nicht geschafft, sondern das Kraut wegzudrücken. Ich muss gestehen, das ich weder darüber nachgedacht noch irgendwas gedacht habe. Ich tat einfach. Wie so oft. Ich bin durch sowas aber auch schon hart auf die Fresse geflogen, so ist es nicht. Zwei Fluchten später lag die 60cm Schleie im Kescher.

Tacklebox fürs Wagglern auf Schleien vom 16er-Haken
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Erkenntnisse und Ideen
Schwein gehabt. Als sie am seidenen Faden im Kraut hing, mehr ist ein lüttes Rotaugenvorfach ja nun wirklich nicht, hätte es Patsch machen können. Das war glücklich, insofern ist das insgesamt alles glücklich verlaufen. Eine Verkettung des Glücks. Vom Glück verfolgt. Ich dachte, das es hier nicht mal Schleien gibt. Wie ich bereits erwähnte liegen zahlreiche Versuche hinter mir mit etlichen Method Feeder Ansitzen und Hartmais als Köder. Kein einziger Biss. KEIN BISS. Egal was ich tat, sämtliche Angeltechniken auch für andere Zielfische ergaben keine grünen Beifänge, weswegen ich mich auf die wenigen großen Rotaugen konzentrierte und die Selektion zwischen süßen kleinen Rotfedern meistern wollte.
So richtig einordnen kann ich das alles deshalb nicht. Noch nicht. Das kann und wird jetzt nicht die einzige Schleie in diesem Teich sein. Ich sehe die nicht wühlen, nicht im Schilf schmatzen, nicht am Kraut herumkreisen, nicht im Freiwasser im Frühjahr um Weiber buhlen, keine Beifänge juveniler Tincas und das bringt mich um den Verstand. Wie Geister. Der Geisterschleienteich. Ich bleib an der Sache natürlich dran und studiere jetzt die Zusammenhänge, vielleicht muss ich mich (wie so oft) ja neu erfinden. Oder etwas neues finden. Muss ich dir kurz noch erzählen: Bin letztens bei einer Gewässerreinigung auf eine Muschel getreten. Gehäuse futsch, halber Flaschen hing raus. Das brachte mich auf eine Idee. Naturköder. So richtige Naturköder. Als Dosenöffner. Schneckenfleisch. Nacktschnecken. Teig in leeren Schneckenhäusern am Haar. Muschelfleisch. Mückenlarven. Vielleicht bringt das ja die nächste 60cm Schleie am Geisterteich. Oder größer. Wer weiß das schon. Manche Gewässer haben eben ihre eigenen Spielregeln und Standardpfade klappen nicht. Genau mein Ding.
Herzlichst, dein 16er-Haken 🐟 ❤️ 🎣


Schleienfutter Empfehlung vom 16er-Haken
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