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Fangbericht: Rotaugen, eine fette Krautschleie und Tackleerkenntnis

Ha! Da wirste Alt wie ne Kuh und lernst trotzdem dazu. Bis zum Bauchnabel stand ich im Kraut, eine Schleie mittendrin, ein Waggler obenauf, die Matchrute leicht überfordert und eine Erkenntnis, welche mit der Dürrephase einhergeht. Ein Fangbericht von einer Krautschleie und was ich daraus lernen durfte.

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Lange Dürre und krautige Gefilde

Ich hab mich sowas von verschätzt. Echt jetzt. Wat heißt verschätzt, durch Dürre dazugelernt. Da gibt es doch so ein kleines Baggerloch gleich hinten links hinterm Mond, wo ich gerne Rotaugen, Satzkarpfen, Brassen, Schleien, Giebel und Gedönse zwischen kleinen Rotfedern fange. Mischbestand. Klassische Kiste. Viel Strand, außenrum Nadelgehölze und dahinter Ackerland, wo sich im Sommer mehr Badegäste als Angler treffen, weshalb ich dort eher im Frühjahr, Herbst und Winter meine Zeit totschlage. Badegäste stören mich nicht, nur werden die mühsam von Kraut befreiten Stellen schnell annektiert, unwissentlich, doch zu meinem Ärgernis, daher verlege ich meine Aktivitäten in jene Phasen, wenn die meisten wieder in der Wanne planschen.

Letzte Woche bin ich mit der Harke* ins Wasser gestiegen um mir eine Schneise ins Kraut zu schlagen und mir ist dabei aufgefallen, das mit der Dürre und dem niedrigen Wasserstand das Hornkraut sich bis hinter die Kante und ein gutes Stück weiter ins Baggerloch hinein verlagerte. Wenns flacher wird wandern Wasserpflanzen vorwärts, nur war das zu meinen Lebzeiten noch nie so unhöflich, denn es gab hier auch noch nie so wenige Niederschläge. Wir haben einen See, da steht der Steg 2m über Land. Fällste runter, kannste die Kippe noch zuende rauchen. Ich hatte mir erstmal eine Krautschneise zurechtgewurschtelt und bekam die Uferzone gerade noch in den Griff, das letzte kurze Stück auf Krampf mit Akrobatik, hinter der Kante bin ich abgeschmiert. Die längste Hake wäre zu kurz, der Abbruch geht kerzengerade auf 3.20m runter und ein Rechen am Seil setzt sich im Lehm schneller fest wie ich ziehen könnte. Bisschen Platz schuff ich, 2m nach links und rechts Landeraum, nach vorne soweit wie mir möglich, paar Strunken und Krautbüschel bekam ich nicht zu fassen, für bessere Fische im Matchrutenbereich sollte das wohl reichen. Kam natürlich und mit einer fetten Krautschleie wie immer anders.

große Schleie aus dem Kraut

Taktik

Lose Feed mit Matchrute, schlanker Waggler durchlaufend, ich teste, ja ja ich weiß, ich teste immer irgendwas, gerade eine neue Montageidee für jenseitige Wassertiefen, unkompliziert und ohne Tinneff, aber raffiniert, damit ich schnell ins letzte Drittel an fingerlangen Rotfedern hin zu besseren Rotaugen vorbeikomme. Ich bediene mich sonst oft der altenglischen Wagglermontage im Flachwasser, fürs feine Gewerk, einer unauffälligen natürlichen Absinkphase und sowas. Der Waggler ist mit 80% seines Gewichts durch Schrote fixiert, verwickelt sich dadurch (fast) nie, bei tiefem Wasser und der Absicht die obersten Wasserschichten zügig auszuklammern ist die altenglische Montage allerdings semitauglich. Kaum Gewicht unterm Kiel, dafür wurfgenau und verwicklungsfrei. Und sowieso. Eine Feststellpose egal welcher Machart kann nur in der Tiefe einer Matchrutenlänge minus MINDESTENS einem Meter wirken. Selbst das ist schon Kacke, es wirft sich doch bescheiden. Irgendwann muss man durchlaufend Wagglern, meiner Erfahrung nach ab 3m Wassertiefe, da ist ne 4.20m Matchrute an ihrem Limit angelangt und der Stopperknoten wieder Mode.

Futtertaktik Lose Feed. Ich konzentriere mich auf Rotaugen und Bonusfische. Kleine Rotfedern werden Tricky, Schleuderschüsse (und alles andere) spüren die auf ne Meile, sind auf abgestürzte Nahrung spezialisiert und lassen sich taktisch mit schwerem Futterzeugs und solchen Montagen einreduzieren, aber niemals vollständig ausklammern. Rotfederlinge sind ja nicht doof, wenn etwas vom Himmel fällt und nicht schwimmt sinkt es. Sicherlich nicht nach oben. Einige folgen bis zum Grund, die meisten verbleiben im Mittel oder Oberflächenwasser. Die Kunst ist, genau diese Balance zu finden, das nicht alles an Kleinvieh die Futterplatztür eintritt. Ich fahre deshalb eine semiaktive Futterschleudertakik, lege im Nahbereich, ich werfe ungefähr 12m weit, 3mm Pellets und Butter Vanille Hanf durch, beides lockt, sinkt zügig, zuckt nicht rum und schmeckt. Dosenmais kommt dosiert hinzu, genauso wie ich super vorsichtig Maden und Pinkies in den Futterplatz sporadisch integriere. Zuviel davon triggert kleine Rotfedern, beides sinkt in Slow Motion, das gehört sehr gut ab und eingeschätzt im Gefecht. Tabu sind quirlige Wassersäulengeschichten. Kein Couscous, nichts was Wolken schlägt, kein grober Koriander oder Hanfmehl, kein Liquid Bread, kein lockeres Futter oder aktives Futter, das Rotfedern ins unendliche multipliziert. Ich brauche auf der kurzen Bahn ohnehin keine Futtermehle, die Akzente setze ich mit der Schleuder, nur nicht willkürlich, sondern zielfischgesteuert. Lose Feed ist überragend wenn man damit umzugehen weiß.

Taktisch gelingt mir dadurch regelmäßig eine Selektion, welche Plumsangler vielmals schändlich abtun. Eben doch ohne Miniboilies und Schnickschnack an Gewässern mit vielen nervigen Winzlingsrotfedern handlange bis größere Friedfische auf klassische Futtermittel herauszuselektieren. Es geht lediglich darum zu verstehen wie die Rotfeder tickt und kapiert man das, kommt man mit Dosenmais, Würmern, Maden und Oldschoolansätzen effektiv zurecht. Hanf sinkt schneller als Maden, also nehme ich eher diesen in der Fütterung her, zumal der nicht zuckt und sauber abliegt. Sofort 50% weniger kleine Rotfedern. Lieber nur alle 5 Minuten einen großen Schleuderschuss anstatt jede Minute einen kleinen setzen. Wieder 30% weniger. Waggler mit 5g, das Gewicht auf die letzten 1.50m konzentriert. Nochmals 10% weniger, da kaum Bisse in der Absinkphase, weil der Köder blitzschnell durch die Rotfedernzone rauscht. Das ginge in den Erklärungen jetzt ewig so weiter, am Ende baue ich mir einen Futterplatz zurecht, an dem Rotaugen und größere Friedfische partizipieren können, keine ausufernde Konkurrenzsituation vorfinden, Rotfedern sind flinker und dreister als ALLE anderen sowie, darum geht es mir heute eher als dieser strategische Ansatz, eine große Krautschleie als Bonusfisch auch beißt.

Ich betrachte meine Friedfischangelei in der Chancenrechnung, das ist mein Duktus. Das hat jetzt alles nicht mehr soviel mit dem eigentlichen Thema zutun, der Typ für Morsecode Content war ich aber eh nie. Eine Message muss jeder Inhalt haben, sonst könnte ich auf Instagram Katzenbilder posten. Ich schiebe den Regler in die Zielfischrichtung so hoch wie nur möglich, das ist die Message, lande bei 90% und muss die restlichen 10% des Schicksals außerhalb meiner Fähigkeiten und Rotfedernbisse akzeptieren, so ein Seitenlinienorgan scheißt auf meine Kniffe. Es sind jedoch bei weitem weniger Rotfedern am Futterplatz, weshalb meine Chancen auf Rotaugen oder Bonusfische steigen. Umso flacher Gewässer sind, desto eher scheitert diese Strategie jedoch, weil unten oben und oben unten ist. Du musst das alles im Kontext begreifen, es gibt beim Friedfischangeln keine Drehbücher, nur die Raffinesse im Augenblick der Szenerie. Mir wird in der Anglerschaft immer viel zu plastisch gedacht und wahnsinnig arrogant verkannt, das Skills hinter solchen Angeltagen stehen. Niemand fängt durch Zufall besser als der Durchschnitt, denn regelmäßiger Zufall hat System.

Tacklebox

Taktik

  • Starfütterung mit jeweils einer Kappe Hanf, Maden, Pinkies, Pellets & Dosenmais
  • Hanf in Butter Vanille eingelegt
  • Pellets für die Lockwirkung
  • Nachschüsse alle 5 Minuten mit einer viertel Kappe Hanf und Pellets
  • Jeder vierte Schuss im Wechsel mit Pinkies, Maden und Dosenmais
  • Waggler in 5g für schnelle Absinkphase

Futtermittel

Matchtackle Schleie

Hanf, Mais, Pellets, Maden und Pinkies auf einem Futtertisch

Session mit Krautschleie

Erste Bisse nach wenigen Minuten und dem Köderregen, ein paar Maden und Pinkies inbegriffen, damit die Angelei flott losgeht. Ich passe dabei höllisch auf und mich jedem Schuss futtertechnisch an, sobald mir die Ausbeute zu rotfederig wird, dann switche ich in der Schleuderfütterung taktisch um, mehr dieses oder jenes, damit ich auf Zielfischkurs bleibe. Erste Fische kleine Rotfedern. Völlig normal. Die stehen schon an der Stelle, bevor ich den Angelstuhl* aufgebaut habe. Eine wie diese hier. Gaius Julius Rotfederus. Die beiden Maden sind größer wie der feingeschmückte Schädel, probieren kann mans ja trotzdem.

Rotfeder mit Kraut am Kopf und Maden im Maul

Ich wendete mich nach 30 Minuten mehrheitlich Butter Vanille Hanf in den Schleuderschüssen zu, das wurde mit Rotaugen belohnt. Hanf und Butter Vanille sind ne zuverlässige Kiste. Die Vanille unterstreicht das Hanfaroma, gibt dem ganzen einen allroundigen Grundriss. Eine Ampulle pro Thermoskanne. Madenbündel kamen einigermaßen durch, auf Maiskörner bissen nur handlange und bessere Rotaugenfedern, nicht wirklich frequentiert, alle 5 Minuten, das ist mir aber recht gewesen, denn ich will ja genau das. Kleine Rotfedern tun sich mit Mais schwer, selbst Würmer lassen die schonmal stehen, wenn man richtig füttert und nicht Futterneid initiiert. Aktion Reaktion.

schönes Rotauge, das im Baggerloch auf Mais gefangen wurde

Wechsel auf Wurm. Der Fangbericht zur Krautschleie beginnt jetzt. Alles davor war mein friedfischbehinderter Nerdtismus. Ich werfe den Lump raus und sehe ein Kalb von einer Schleie 5m rechts von meinem Futterplatz rollen. Das Verhalten ist nicht endgültig geklärt, ich weiß zumindest, das mit absoluter Sicherheit gleich eine Schleie zuppelt. Passiert sowas am Futterplatz warte ich geduldig, liegt eine größere Entfernung dazwischen, fliegt die Montage dorthin. In 9 von 10 Fällen kriege ich den Biss. Der erste auf Wurm war allerdings ein Barsch. Ein hübscher wie ich finde.

Barsch auf Wurm im September beim Angeln mit der Matchrute

Mit der Beobachtung und nach dem Barsch wechselte ich das Vorfach. Von Hakengröße #14 an 0.13mm auf #8 an 0.17mm. Mit der Matchrute drille ich große Schleien auf freier Flur locker aus und davon ging ich auch aus, denn nach der Kante und beim Loten kam da nicht mehr viel Kraut zusammen. Fehleinschätzung. Sporadisch standen einzelne Krautkolonien im Baggerloch, die ich erst nach meiner Angelei entdeckte, weil ich einen kleinen Hügel auf der anderen Seite hochgelurcht bin. Da standen Mank der Wasserfläche lauter pattschwarze Büschel. Alle paar Meter fette Tampen im Stile Merz seiner Frisur. Diffus verteilt, nicht wie Krautbänke, die erwischt man beim Loten nur unregelmäßig. Unter der Wasseroberfläche, bei bewölktem Himmelsbild, siehste die auch nicht. Das Zeug ist Kreuz und Quer durchs Baggerloch gewachsen, bei normalen Wasserstand gäbe es derlei nicht, durch die jahrelange Dürre mit der entsprechenden Konsequenz nun also doch. 😐

Und mit einer weiteren Konsequenz. Ich brauche hier und an ähnlichen Gewässern schwereres Rüstzeug. Eine 30g Matchrute packt die Schleie, vorweg nehmen kann ich, das jene 53cm aufbringt, aber nicht mit einem Jutebeutel voller Hornkraut auf der Birne und im Anhang. Für sowas MUSS ein Rutenblank WESENTLICH mehr Rückgrat aufbieten, alles andere mündet darin, das man schlicht die Kontrolle verliert. Wie bei dieser listigen kleinen Drecksau. Die zieht quer und nimmt erstmal Merz seinen Pony zweimal mit, blinkt links, biegt rechts ab, knallt ins Ufer, ich hab Kraut hinten und vorne auf der Schnur, alles Kraut, so ein Gemengelage aus Rastazöpfen mit Hilflosigkeit und die Matchrute kotzt sich die Seele aus dem Leib. Solche Situationen gehören zum Schleienangeln dazu, die sind nicht grundlos grün und wissen schon wo sie hinmüssen. Ich weiß aber auch, was zu tun ist. Ich entkleidete meinen Unterkörper und bin dem Dschungel leibhaftig geworden. Den auf dem Bild.

dichtes Uferkraut am Baggerloch

Gut das ich im Bilde war, wo die Kante endet. Da blieb sie einen knappen Meter unter der Wasseroberfläche hängen. Was mir immer hilft ist das Kraut unter der Schleie vorsichtig mit dem Kescherkopf wegzudrücken, die Bremse halboffen zu lassen, sicherheitshalber, um das Ding und nicht nur die Erkenntnis einzutüten. Oftmals befreien sich Schleien durchs Krautschieben von selbst, die Gegenwehr sackt ebenfalls ein, sofern Kraut auf den Augen liegt. Wie Trance. Ich hab das schon oft erlebt. Licht aus und Ruhe. Bei Amphibien ists ja ähnlich. So konnte ich die Krautschleie umständlich, aber relativ sicher in den Kescherkopf überführen, mit Wasser bis überm Bauchnabel, wobei die Matchrute, das war eher problematisch, die gesamte Masse aus Fisch und Vegetation nicht mehr richtig wuppte. Ich musste behutsam ziehen, drücken und höllisch aufpassen, das mir nicht das Vorfach nicht flöten geht. Das ist richtig Zug bei solchen Aktionen drauf.

Kescherkopf voller Kraut

Video von der Krautschleie kurz nach der Landung.

Christoph abgetrocknet. Bei 18 Grad ist das Wasser im September nicht mehr ganz so einladend. Große Krautschleien verlangen manchmal nach Heldentaten.

Christoph mit Handtuch

Clip von der Krautschleie. Wahnsinnig sexy.

Christoph mit Krautschleie nach einem intensiven Drill

Erkenntnis zur Krautschleie

Ich muss wohl auf die veränderten Bedingungen an manchen Gewässern reagieren und eine schwere Floatrute im 2lbs bis 2.5lbs Bereich in Betracht ziehen. 60g bis 80g Wurfgewicht wären das. Für die Schleien und Großfischangelei bleibt mir dahin keine Alternative mehr, weniger Wasser verschiebt das Ufer und mancherorts kommt das Kraut weiterläufiger ins Gewässer hinein, bis hinter die tiefen Kanten mancherorts und damit kommt die klassische Matchrute ins Schwitzen. Zu schmalbrüstig, aber auch ein Grund, mal wieder Tackletechnisch zuzulegen. Ich kann ja beide Ruten mitführen und nach Gusto wechseln, denn wenn eine Krautschleie rollt, ist das Fangglück nicht fern.

Herzlichst, dein 16er-Haken 🐟 ❤️ 🎣

Krautschleie am Baggerloch

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    Christoph Heers
    Christoph Heers
    Hallo! Mein Name ist Christoph und ich bin der Schreiberling hinter dem 16er-Haken. Seit meiner Kindheit bin ich Angler, mit vielen Wassern gewaschen und immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Was letztlich auch dazu führte, meine Erfahrungen mit dir teilen zu wollen. Auf meinem Blog erwarten dich viele Strategien, Tipps und Tricks über das Friedfischangeln sowie Seitensprünge auf Hecht, Aal, Quappe oder Zander.

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